Die Informationen hier können nicht vollständig sein. Sie gehen oft davon aus, daß Ihr die Vorgeschichte kennt.
Bitte lest die Jahresberichte vom Oktober 2003 und September 2004 und die genaueren Berichte, auf die dort hingewiesen wird. Oder geht über die Schaltfläche "Gesamt-Inhalt und ältere Berichte" ins Archiv der "Ergänzungen zu den Jahresberichten", in denen ich während der Reisen immer ganz aktuell berichtete.

 
Aktuelles / Neueste Meldungen

Nepal, Oktober bis Dezember 2004

(Von unten nach oben zu lesen!)
 

Am 19. Januar werde ich wieder nach Kathmandu fliegen. Bitte besucht diese Seiten ab 22. Januar wieder für die neuesten Meldungen aus Nepal.

Ich wünsche Euch allen
für das kommende Jahr 2005
ALLES GUTE!

29.12.2004: Bei mir gehen die ersten Anfragen ein, ob wohl auch meine/unsere Kinder von der Flutwelle betroffen seien: Auch ich studierte die Karten, saß den halben Tag vor dem Fernsehen, suchte im Internet...; und gestern hielt ich es nicht mehr aus und rief auf Lombok an:
Mein Freund / Ex-Kind / Kinder-Betreuer auf Lombok konnte mich beruhigen: Die Flutwelle kam bis dort nur in stark abgeschwächter Form. Fischerboote wurden hoch auf den Strand getragen und teilweise beschädigt; wegen der rauhen See dürfen weder Fischer- noch Ausflugsboote auslaufen. Aber das Wasser ging nicht bis in die Dörfer; es gibt keine Verletzten und keine beschädigten Häuser.
Heute schickte er mir eine Mail: Alle Kinder seien gesund und relativ fleißig; fast alle gehen regelmäßig zur Schule; die Halbjahrsprüfungen beginnen gerade.

24.12.2004: FROHE WEIHNACHTEN!
und ALLES GUTE für das kommende Jahr 2005!

Ich möchte mich heute mal wieder bedanken - und Euch erzählen, wie viel Hilfe zum Helfen mir zuteil wird!
Da seid als erstes natürlich IHR: Mit Euren Briefen, Euren E-Mails, Eurem Interesse und Euren Überweisungen - und Euren Empfehlungen an Freunde und Verwandte! Und trotz der wirtschaftlich schwierigen Lage in Deutschland habe ich dieses Jahr doch fast genau so viel Geld wie im letzten Jahr erhalten!
Dazu wurde mir beim Auswerten meiner Aufzeichnungen und Abrechnungen aus Nepal mal wieder bewusst, WIE viel kleine und nicht-finanzielle Hilfe ich vor Ort erhalte!
Zwar habe ich mich mal ein bisschen geärgert, dass fast KEIN Hausbesitzer bereit war, mir für die Hilfe für die Kinder eine Wohnung zu vermieten. Aber die positiven Eindrücke überwiegen eindeutig!
- Die Ärzte, die ich auf dem Flur treffe - und die mich an hunderten von wartenden Patienten vorbei direkt mit ins Untersuchungszimmer nehmen;
- Die Tür-Wächter vor den Behandlungszimmern, die mich sofort zum Arzt vor- und an allen Wartenden vorbeilassen;
- Der erfahrene Gipser im staatlichen Krankenhaus, der bei eindeutigen Fällen auch ohne Ticket und Arztbesuch einen Gips anlegt - und bei schwierigeren Fällen mit mir zum Arzt geht, so dass ich wieder einmal nicht in der Schlange sitzen muss;
- Die Herz-Klinik, die mir sagt, dass die Wartezeit für eine solche Operation bis zu einem Jahr betrage - und deren Chefarzt, der uns einen Termin für Ende Januar gibt!
- Ein Dutzend Leute, die intensiv halfen bei dem Versuch, ein Zimmer oder eine Wohnung für uns zu finden;
VOR ALLEM ABER freue ich mich über das Interesse und das Mit-Helfen unserer Kinder und Jugendlichen:
- Der 16jährige, der - ohne auch nur nachzudenken - bereit ist, eine Nacht mit dem kleinen Leim-Schnüffler in der Notaufnahme der Kinderklinik zu verbringen;
- Der 17jährige, der in einer Zeitung den Bericht über den am Herzen zu operierenden Jungen sah - und zwei Tage später Dutzende von Zeitungshändlern abklapperte, um diese veraltete Tageszeitung aufzutreiben. (Und dann kaufte er sie für mich - und ich erstattete ihm nicht einmal den Kaufpreis.)
- Der 9jährige, der mir von einem Freund erzählt, der nach Verbrennungen die Beine nicht mehr strecken kann und "ganz komisch läuft"; und der den demnächst zu mir bringen wird, damit ich mich um eine gute Nachbehandlung kümmern kann...


Ich habe neulich in Nepal ein paar Mal meine Videokamera einfach in eine Ecke des Zimmers gestellt und "mit-laufen" lassen. Ich habe mir dieser Tage einige dieser Aufzeichnungen angeschaut - und ich konnte daneben nicht arbeiten, schreiben oder abrechnen. Und selbst ich musste mich wundern, wie ich diesen Lärm und diesen Trubel aushalte (und ich wundere mich jetzt nicht mehr, dass ich nachmittags in Nepal nicht dazu komme, etwas abzurechnen, oder Mails zu schreiben...)
ABER: Ich erfahre in diesem Trubel und diesem Lärm (und SO oft muss ich schimpfen, meckern, rügen oder gar strafen) SO viel Liebe und Dankbarkeit! - DAS ist mein Leben! DAFÜR tue ich all dies!
(Egoistisch???)
Ich wünsche Euch für 2005 eine SOLCHE Menge von "Erfolgserlebnissen" und ALLES GUTE!!!

19.12.2004: Schöner Sonntag!!! Heute bekam ich eine Mail von unserem Lehrer mit erfreulichen Meldungen bezüglich der Herz-Operation:
Die Katheter-Untersuchung wurde - einen Tag später als geplant - erst am Donnerstag durchgeführt. Am Freitag wurden die Ergebnisse mitgeteilt, der Junge entlassen. Der Vater berichtete unserem Lehrer, rechnete ab und brachte übriges Geld zurück. Am Samstag fuhr die Familie zurück nach Hause (ins 200 km entfernte Pokhara).
Das Ergebnis der Untersuchung scheint recht gut ausgefallen zu sein: Der Arzt sagte dem Vater, dass die Chance, die Operation zu überleben bei diesem Jungen etwa 80% betrage. (Bei dem Mädchen, das ich vor zwei Jahren operieren ließ, war sie auf 50-60% geschätzt worden!)
Während das Krankenhaus mir am Telefon gesagt hatte, die Wartezeit für solche Operationen betrage bis zu einem Jahr, hatte der Chefarzt (der mich ja nun schont kennt; und der weiß, dass ich nicht das ganze Jahr da sein werde) mir gesagt, er werde uns entgegenkommen. - Und nun bekamen wir einen Operationstermin genau 8 Tage nach meiner geplanten Rückkehr nach Nepal!!! (Am 25. Januar wird die Familie aus Pokhara wieder nach Kathmandu kommen; am 26.1. Aufnahme ins Krankenhaus, am 28.1. Operation.)
Nach Aussage des Arztes haben wir mit Kosten von etwa 1.300,- Euro zu rechnen - wenn es keine Komplikationen gibt und der Junge nicht länger als zwei Tage auf der Intensivstation bleiben muss.

14.12.2004: Nun sitze ich in Abu Dhabi im Transit und beginne zu überlegen, was ich Euch abschließend über diese gut zwei Monate noch erzählen sollte...:

(Und nun sitze ich - am nächsten Tag - schon wieder zu Hause in Deutschland und will dies für Euch fertig machen:)

12.12.2004: Genau zwei Monate nach meiner Ankunft in Nepal (und drei Tage vor meinem Heimflug) habe ich gestern Abend ein bisschen "Statistik gemacht":

5.12.2004: Heute "begann", was ich seit langem "vorbereitete": Vor fast zwei Monaten war in einer Zeitung ein Bericht über ein Kind, das am Herzen operiert werden müsste und dessen Eltern sich das nicht leisten können. Einer unserer Jugendlichen hatte mir davon erzählt, weil er wusste, dass ich schon einmal eine solche (teure!) Operation hatte machen lassen. Ich hatte ihn losgeschickt und es war ihm tatsächlich gelungen, ein Exemplar der inzwischen zwei Tage alten Tageszeitung aufzutreiben.
Ich rief die Zeitung an, sprach mit dem zuständigen Redakteur: Ich wollte erst einmal "neutrale" Informationen: Warum ein so hoher Preis angesetzt wurde; ob das wirklich arme Leute seien... Der versprach immer wieder, mir Informationen zu besorgen; dann kamen die großen Herbst-Feste dazwischen, in denen Nepal "stillsteht" und fast gar nichts geht - bis ich endlich einen anderen Redakteur sprach, der mir die Wahrheit sagte: Die Leute kommen zu ihnen und bitten sie, das zu drucken; sie schreiben und drucken es; damit ist ihre Arbeit getan. - Mir weitere Informationen zu besorgen, sei absolut nicht ihre Aufgabe.


Die Familie aus Pokhara kurz nach ihrer Ankunft
in meinem Zimmer. - Der ältere Sohn (rechts)
muss am Herzen operiert werden.

Dann rief ich die in dem Artikel angegebene Telefonnummer an - die eine Kontaktperson in Patan zu sein schien. Die Nummer gab es; aber es nahm nie jemand ab. Ich probierte es (mit Pausen des Vergessens) wohl über eine Woche lang morgens, mittags, abends - bis ich auf die Idee kam, dass eine 6-stellige, mit 5 beginnende Nummer auch in Pokhara (dem Wohnort des Kindes) sein könnte. Ich suchte mir die Vorwahl, versuchte es dort - und landete beim Zimmer-Vermieter des Patienten, der sofort dessen Mutter rufen ließ.
Ich besprach vieles mit der Mutter, rief den Chef der Herzklinik an und fragte nach Terminen; die Mutter rief mehrmals bei mir an. (Bevor sie Geld in Busfahrt und Hotels investieren, müssen sie sich ja davon überzeugen, dass es da jemand wirklich ernst meint!)
Sie sagten mir, dass aufgrund des Zeitungsberichtes ein paar Spenden eingegangen seien; für Bus und Hotel könnten sie selber aufkommen; aber für die Operation reiche es bei Weitem nicht.
Ich hatte ihnen eine preiswerte Unterkunft organisiert; wieder bei ihnen angerufen. Heute kamen sie, saßen lange bei mir; ich erzählte über meine Arbeit und sie über ihre Probleme. Morgen früh werden wir zu ersten Voruntersuchungen in die hiesige Herzklinik fahren.
Wenn Euch Details interessieren (und was sich bei mir an einem "über-vollen Tag" sonst noch so ereignet), dann seid Ihr herzlich eingeladen, hier mein heutiges Tagebuch zu lesen.

2.12.2004: Heute brachte ich einen sehr tragischen Fall zu einem relativ günstigen Abschluss: Bei der Mutter eines dreizehnjährigen Mädchens, dem wir die Schule zahl(t)en, war Anfang des Jahres Brustkrebs diagnostiziert worden. Das Mädchen hatte nur mal erzählt, das die Mutter krank sei; hatte nie über Details oder über finanzielle Probleme berichtet. Erst neulich kam sie zu mir und brachte die Krankenhaus-Unterlagen: Vor Monaten zwei Chemotherapien, dann eine notwendige Operation aus Kostengründen nicht durchführen lassen. Vor zwei Monaten wurden Metastasen in Leber und Knochen diagnostiziert. Vor knapp drei Wochen verstarb die Mutter in der Krebsklinik - schwanger in der 20. Woche. Zurück bleiben ein angeblich saufender Vater (den ich aber bisher immer nur nüchtern antraf), das dreizehnjährige Mädchen und zwei Brüder von 4 Jahren und genau 12 Monaten.
Vor 10 Tagen durfte ich die Kinder im Heim einer hier verheirateten Schweizerin vorstellen. Heute durfte ich die beiden Älteren dort hinbringen (der Einjährige bleibt bei einer Verwandten des Vaters) und sie werden nun dort leben, lernen und zur Schule gehen.
Für den Fall, dass Euch weitere Details interessieren, kopiere ich Euch gerne wieder einen Auszug aus meinem heutigen Tagebuch:

S. mit ihren beiden Brüdern bei unserem Frühstück
S. mit ihren beiden Brüdern
bei unserem Frühstück

Schon ab 7.30 Uhr ging das Telefon: Erst der Vater von S., ob er in dem Heim anrufen müsse oder einfach zu mir kommen könne; etwas später die pensionierte deutsche Lehrerin; dass ihre Gruppe jetzt abgereist sei und wann sie mich besuchen könne.
Und um 8.30 Uhr kam pünktlich und wie (für den Fall der Fälle) verabredet R. G. mit einer Freundin und ihrem Röntgenbild: Die Elfjährige war gestern mittag eine Treppe runtergefallen, nachmittags zu mir gekommen, gegen Abend mit einem Brief von mir zu unserem Hausarzt gegangen. Der hatte sie schräg gegenüber röntgen lassen: Eine Absplitterung am Ende der Elle; aber nichts verschoben. Die nahm ich nun mit zum Frühstück und schickte sie anschließend mit Dh. ins Bir Hospital, der ihr nur zeigen sollte, wo sie das Ticket bekommt und in welche Schlange sie sich setzen soll; ich würde später kommen.
Nach dem Frühstück wartete ich eine Weile, weil S. etwas zu spät kam - mit dem Bruder, der auch ins Heim soll, dem Vater, der den Einjährigen trug, und ihrer Vermieterin, auch mit einem Kind auf dem Arm, die wohl dem Vater Rückendeckung geben und schauen wollte, ob das Heim OK ist. Nachdem die Kinder gegessen hatten, nahmen wir ein Taxi. Wieder störten wir N. und ihren Mann beim Frühstück; das scheint aber zumindest ihr gar nichts auszumachen.
Der Vater hatte immer noch keine Sterbeurkunde, aber mir beim Frühstück schon ein paar andere Akten gegeben, die ich nun N. zeigte und erklärte - und die uns noch weitere Details über diese "Horrorstory" erzählten: Ein Brief der Krebsklinik an die Frauenklinik: Die Frau sei in der 20. Woche schwanger und vor einer Chemotherapie müsse zunächst abgetrieben werden; ein Brief der Frauenklinik, dass die Frau dort halb-bewusstlos angekommen sei, eine Abtreibung in diesem Zustand nicht möglich sei und sie sie also zurück-überweisen...
Der Rest ging ganz schnell und formlos. N. erklärte, dass sie kein Heim seien, das irgendwelche Rechte an den Kindern übernehme; sie seien wie ein privates Internat, nur dass es eben kostenlos sei. Sie brauchen keine Papiere und keine Unterschrift; und wenn der Vater die Kinder wieder selber übernehmen will, kann er sie jederzeit holen. Nur so lange sie hier bleiben sollen, darf er sie nur Samstags besuchen und nur einmal im Jahr zu den großen Herbst-Festen mit nach Hause nehmen.
Diskussion über die mitgebrachte Kleidung und die Gefahr, Läuse einzuschleppen. Diskussion über Zimmerbelegung und Schulklasseneinstufung. (Die Dreizehnjährige muss jetzt wieder in der Vorschule beginnen, da hier wie in allen Privatschulen alles auf Englisch unterrichtet wird; aber wenn sie gut lernt, kann sie Klassen überspringen.)

Rupa beim Eingipsen
ihres Armes
R. G. beim Eingipsen
ihres Armes

Dann gingen die Kinder mit einem Lehrer; der Vierjährige kapierte wohl gar nicht, was vor sich ging; aber Srijana hatte plötzlich riesige rote Augen. Und eine Volontärin, die kurz darauf von unten kam, erzählte, dass die heftig weine.
Letzte Besprechungen und Erklärungen; dann trafen wir die Kinder noch einmal vor ihrem Klassenzimmer - schon wieder sehr gefasst und ruhig.
Taxi nach Kathmandu; Vater usw. stiegen an der Microbusstation aus, ich fuhr durch ins Bir Hospital. Die Mädchen saßen in der falschen Schlange immer noch sehr weit hinten; aber ich ging direkt durch zu dem erfahrenen Eingipser, zeigte ihm die Röntgenaufnahme und der meinte, das sei ein so eindeutiger Fall, dass wir gar keinen Arzt brauchen. Er schrieb mir die Sachen auf, ich kaufte sie, er gipste den Arm ein, machte ihr eine wunderschön gepolsterte Schlinge um den Hals. Nach weniger als 30 Minuten waren die beiden auf dem Heimweg und ich unterwegs Richtung New Road...

1.12.2004: Wie die Zeit vergeht! - In zwei Wochen werde ich schon wieder in Deutschland eintreffen...
Inzwischen habe ich 4-5 Zimmer / Wohnungen / Baugelände zur Auswahl bzw. in Aussicht. Ich gehe im Moment davon aus, dass ich die restlichen zwei Wochen in dem kleinen Hotelzimmer verbringen werde, aber in dieser Zeit etwas fest machen oder vorbereiten werde, so dass ich zu meiner Rückkehr im Januar eine zumindest einigermaßen geeignete Unterkunft (auf Dauer!) haben werde.
Auch in diesem kleinen Hotelzimmer (13,3 qm) "läuft der Laden": Ich gebe täglich für bis zu 70 Mittagessen Gutscheine aus. All diese Kinder können zwar nicht lange bleiben, nicht stundenlang spielen oder malen; aber all diese Kinder werden betreut, medizinisch versorgt; pflegen den Kontakt und fühlen sich akzeptiert und geborgen, können für Notfälle jederzeit kommen.
Gestern schrieb ich in mein Tagebuch mal wieder ein Stück, von dem ich denke, dass es interessant genug sein könnte, es Euch hier darzubieten:
Der Nachmittag wie üblich; viel Betrieb...
A. S. kam mit seiner Mutter, weil er Husten habe und sie mit ihm zum Arzt wolle. Ich gab ihr einen Schein für unseren Hausarzt.
Die Mutter von S. L. (und seinen vielen, früher sehr regelmäßig kommenden Schwestern), um über seine Wieder-Einschulung und das hohe Fieber seiner kleinen Schwester zu sprechen. > Hausarzt.
Später die Mutter von zwei neuen Schülern mit ihren Kindern, weil das Mädchen gerade von einem Straßenköter gebissen worden war. > Teku-Hospital wegen Tollwutgefahr.
Ga., Mu. und Ma. waren morgens in die Augenklinik gegangen, kamen mittags mit ihren Unterlagen wieder: Mu. braucht Tropfen und eine Brille von nur 0,25 - die wir in der Regel nicht kaufen; die beiden anderen brauchen Brillen zwischen 0,50 und 0,75. Ich gab ihnen Geld und schickte sie, die Brillen zu bestellen. Sie kamen recht spät zurück und hatten die fertigen Brillen bereits auf der Nase. / Eher zufällig fiel mir auf, dass die Zettel mit den Werten des Optikers noch bei mir unterm Tisch lagen: Ja, die hätten sie vergessen; aber sie hätten ja gewusst, dass sie alle 0,75er brauchen. Als ich Zettel und Quittungen genauer verglich, gab es einen RIESEN-Anschiss: Denn beim einen waren die Werte für Sphärisch, aber nur einmal 0,75 und auf dem anderen Auge 0,50; und beim anderen waren die Werte für Zylindrisch und er hatte also eine völlig ungeeignete Brille bekommen. Ich schrie sie an; sie waren SO klein. Dann erklärte ich ihnen die Details, gab ihnen Geld, um die Gläser (90,- das Paar) auswechseln zu lassen. Aber dann kam ich auf "die geniale Idee": Ich rief den Optiker-Laden an, den Dipu neulich aufgetan hatte und der uns (für Kinder mit meinen Ausweisen) sehr gute Rabatte gibt. (Brillen für 370,- bis 430,- Rupien alle für 350,-, da Dipu denen erklärt hatte, mehr zahle ihr Tourist einfach nicht.) Die Information, dass ich die beiden Kinder zu ihnen zurück schicke (und dass sie den Umtausch billig machen und evtl. die falschen Gläser zurücknehmen sollen) verband ich mit einem Dank für die immer so guten Preise - und einem Vorwurf: Dass sie Kindern ohne den Schein des Optikers doch keine Brillen verkaufen dürften. / Später kamen die Kinder und gaben mir das Geld zurück: Der Laden habe den Umtausch völlig kostenlos gemacht.

28.11.2004: Ich habe hier lange nichts geschrieben - weil es nichts Neues zu berichten gibt. Es läuft; - und für die beengten Verhältnisse läuft es sehr gut!; aber es gibt keine interessanten Neuigkeiten. (Die zweiten Tertialsprüfungen sind in den meisten Schulen gerade vorbei, aber die Ergebnisse liegen noch nicht vor.)
Gestern habe ich mal meine Datei aufgeräumt, rausgefallene und neu aufgenommene Schüler und Schülerinnen markiert und das Ganze ausgewertet: Im Moment zahlen wir die Schule (oder Vorschule; oder College) für 110 Kinder und Jugendliche. 45 davon (oder 40,9%) sind Mädchen.

22.11.2004: Ich habe mal wieder einen "interessanten" Abend hinter mir und zitiere Euch gerne aus meinem Tagebuch und den Medizin-Abrechnungen:
(Nachmittags:) R. mit dem Schlüsselbeinbruch musste ich klar machen, dass er die Schiene / Binde tatsächlich drei Wochen lang kein einziges Mal lockern oder abnehmen darf. Vorsichtig zog ich seine vielen Pullover so weit aus, dass ich das teure Teil einmal besichtigen konnte; und bestellte die Mutter ein, um auch ihr das zu erklären.
Und wieder Leimprobleme: Mehrere Kinder kamen angetörnt; u.a. Ra., den ich hier zu halten versuchte, der mir aber wieder einmal abhaute. (Später erzählten mir andere Kinder, dass der "nie wieder" zu mir oder nach Hause gehen wolle; dass der beim Dr.-Sahib zu Abend esse.) Und M., so "zu" dass er kaum stehen konnte; Jugendliche hätten ihn mit einem Baseballschläger geschlagen; jetzt müsse er Freunde zusammentrommeln und mit Messern in den Stadtteil gehen...
Irgendwann war es so ruhig und leer, dass ich sogar ein bisschen spielte; ...
Zum Abendessen kamen wieder einige Kinder, die mehr oder weniger viel Leim geschnüffelt hatten. M. war immer noch oder schon wieder völlig zu; Dh. leicht bekifft, aber S. ganz sauber; P. angetörnt aber OK; S. kam von zu Hause und schien sauber; Su. machte zunächst einen ganz guten Eindruck, sagte, er wolle nach Hause gehen. Nach dem Essen bat ich D.
(das ist einer unserer sehr zuverlässigen Jugendlichen), den nach Hause zu bringen - nicht weil ich Su. nicht traute, sondern nur um zu verhindern, dass M. den treffe und mit sich ziehe. - Da flippte er völlig aus, schrie und fluchte; und ich merkte, dass er geschnüffelt hatte und eigentlich die Nacht draußen verbringen wollte. Nun steigerte er sich sehr schnell in seiner Wut, schlug nach mir, trat nach D.; - und dann brach er im Restaurant zusammen: Fast eine Stunde im Wechsel zwischen tiefer Ohnmacht und krampfhaftem Hyperventilieren. Dann schrie er klagend über Schmerzen in der Brust / am Herzen.
Ich hatte zu viel über den plötzlichen Herztod nach Leimschnüffeln gelesen und hatte wahnsinnige Angst, packte ihn in ein Taxi. Während der Fahrt Atemstillstand; ich fühlte keinen Puls, machte Herzmassage. Ticket für die Notaufnahme.
Das Herz schlug wieder; die Ärzte schrieben eine Spritze und vermutlich Kreislaufmittel auf. Aber das sei ein Fall für die Kinderklinik, den sie hier nicht behandeln. Sie gaben uns einen kostenlosen Krankenwagen.
In der Notaufnahme der Kinderklinik alles erzählt und erklärt. (Alle Ärzte hier wissen sehr wenig über das Problem Leim-Schnüffeln.) Zwei Flaschen Infusion und Zubehör gekauft und wieder zurückgegeben, nachdem er einen guten Eindruck machte und schon wegzulaufen versuchte. Aber dann wollte die oberste Ärztin ihn doch über Nacht unter Beobachtung halten und nach langem Zureden willigte er ein; D. blieb bei ihm. Ich fuhr erst nach 22 Uhr zurück ins Hotel.

15.11.2004: Heute verbrachte ich mal wieder den ganzen Vormittag im Krankenhaus: Zwei Mal röntgen, verschlissenen Gips abnehmen, zwei Mal zu den Ärzten, neuen Gips anlegen. Die gute Nachricht: Im Arm des Jungen, den wir seit 9 Monaten wegen Knochemarkentzündung behandeln, bildet sich Knochen; die Fortschritte sind auf den Röntgenaufnahmen gut zu erkennen. Der Arzt schätzt "noch 2-3 Monate"; dann könne man auch das inzwischen recht krumme Handgelenk noch (operativ?) wieder in Ordnung bringen.
Weniger schön die Informationen über das Mädchen, das die gleichen Probleme im Schienbein hat. (Unser Lehrer lernte sie kennen, als sie im Bett neben dem Jungen lag; er informierte mich per E-Mail und seitdem zahlen wir auch für sie.): Deren Knochen scheint sich nicht zu bilden; die Ärzte verschrieben weitere Antibiotika und sagten meinem Lehrer, abzuwarten; aber heute sagte mir der Röntgentechniker, dass sich an deren Bein gar nichts zu verbessern scheine und dass er damit rechne, dass dies demnächst amputiert werden müsse...
 

Eines der Kinder und ich arbeiten an den endlich miteinander verbundenen Computern.
Endlich steht unser "Netzwerk". Auf dem Couchtisch am Fuß-
ende des einen Bettes im viel zu kleinen Zimmer montiert
Ga. neue Ausweise, während ich neue Passbilder bearbeite.

10.11.2004: Ich habe zwar immer noch keine dauerhafte Unterkunft gefunden; - aber seit gestern habe ich endlich ein funktionierendes "Netzwerk". Ich habe einem hiesigen Notebook-Spezialisten das unglaubliche Honorar von umgerechnet 7,56 Euro dafür bezahlt, das beste der vier Notebooks, die mir glücklicherweise geschenkt wurden, komplett leer zu machen und neu einzurichten. Nun habe ich (zum Lernen der Kinder und Jugendlichen) ein englisches Windows, englisches Office, englischen Photoshop. Und habe endlich wieder meinen Computer mit dem der Kinder verbunden. So kann ich von meinem aus kontrollieren, wer gerade am 10-Finger-Schreiben-Lernprogramm sitzen darf; und die zu bearbeitenden Fotos / Passbilder / Mitgliedsausweise kopiere ich auf meinem Computer in das einzige Verzeichnis, auf das die Kinder von "ihrem" Computer aus Zugriff haben. (Bisher musste ich das alles - und wir haben bereits 30 neue Ausweise ausgegeben - per Diskette in den anderen Computer übertragen.)

5.11.2004: Ich ging gerade noch einmal mein Tagebuch der letzten Woche durch und fand diese "hübsche" Stelle, die ich Euch nicht vorenthalten möchte:
Den Nachmittag über ging es wieder ziemlich rund; zeitweise dachte ich, mir platzt der Kopf. Zwischen ganz ruhigen Phasen kommen immer Zeiten, in denen alles zugleich geschehen soll: Hier Geld für den Friseur, und abrechnen; zugleich Essensgutscheine, Fragen, Schulprobleme, alle zwei Minuten muss ich auf die andere Seite des Tisches, weil es an dem Computer, an dem zwei gerade erst lernen, Ausweise herzustellen, wieder klemmt. "Jürgen; das Duschwasser ist zu heiß." "Jürgen, der hat mir meine Flöte abgenommen." "Jürgen, der gibt mir die Flöte immer noch nicht zurück." "Jürgen, wann machst Du mir einen Ausweis?" Und dazwischen wieder neue Passbilder... Dann kam der uralte (seit seiner Hochzeit nicht gesehen) R. N. mit Frau und vier Monate altem Sohn; und später wieder mal der Lehrer, der eine Privatschule gegründet hat, die pleite zu gehen droht und für die er von mir finanzielle Hilfe will (die er nicht bekommen wird).
PUH!...

4.11.2004: Es ist schon recht lustig, was mir für Häuser und Wohnungen angeboten werden - die ich alle nicht brauchen kann. Entweder weit außerhalb; oder zu klein; oder zu groß. Unter anderem wollte man mir ein fünfstöckiges Haus komplett verpachten (für 815,- Euro im Monat); oder einen Altbau mit 15 winzigen Zimmern. Bisher fand ich erst ein einziges, das fast perfekt geeignet gewesen wäre - aber das will mir der Besitzer nicht vermieten, weil er Angst vor dem Lärm der Kinder hat. Heute zeigte man mir eine geeignete Vierzimmerwohnung im Erdgeschoß eines zweistöckigen Hauses; der Besitzer kennt meine Arbeit und unsere Kinder; ein Garten mit Spielwiese wäre auch dabei gewesen - aber er hatte vor einer Woche mit jemand anders einen langfristigen Vertrag abgeschlossen. Nun habe ich noch eine geeignete Vierzimmerwohnung in Aussicht; im ersten Stock und darunter Geschäfte; groß genug und mit guter Wasserversorgung. - Am Samstag werde ich den Besitzer treffen; dann weiß ich mehr.
Angenehm überrascht bin ich, dass während der mehr als sechs Monate meiner Abwesenheit nur etwa ein Viertel der Kinder ihre Ausweise verloren oder (meist durch Feuchtigkeit) zerstört haben. Alle anderen haben sie noch (und haben sie bei Unfällen und Verletzungen auch recht oft benützt). Inzwischen arbeiten die Kinder und Jugendlichen am zweiten Computer und wir haben bereits 24 neue Ausweise fertig - teilweise Ersatz für Verlorene, teilweise erstmals für Kinder, die im Frühjahr noch zu neu waren.

1.11.2004: Interessiert es Euch, wie es mit dem Mädchen im Heim (siehe 23.10.) weiterging?
Am übernächsten Tag wollten wir in das Heim fahren; ich rief kurz vorher an: Die zuständigen Herren kommen erst verspätet aus dem Urlaub zurück. Sie werden sich bei uns melden.
Ein paar Tage später riefen sie an: Wir sollen nicht ins Heim kommen; sie kommen zu uns.
Bei dem Treffen war der fast-immer besoffene Vater absolut nüchtern und überaus höflich und sachlich. Aber nun wollte nicht nur er seine Tochter zurück, sondern auch die Mutter bestand darauf. So hatte ich kaum noch eine Chance, zu vermitteln.
Die Sozialarbeiter nahmen beide Eltern (ohne mich!) mit ins Heim und ich war schon sicher, dass sie (mindestens fünf Sozialarbeiter) die beiden so lange bereden würden, bis das Mädchen dort bleiben dürfe.
Prompt kamen sie ohne das Mädchen zurück - und gleich zu mir: Zu viel Bürokratie; sofort mitnehmen sei nicht möglich gewesen; in 3-4 Tagen könnten sie die Kleine abholen. / Aber sie hätten den prügelnden Sozialarbeiter getroffen: Der habe sich förmlich beim Vater entschuldigt; er habe in diesen Feiertagen eben auch ein bisschen getrunken gehabt...
Doch inzwischen haben sie eingesehen: Keine Schule würde das Mädchen jetzt (die zweiten Zwischenprüfungen haben gerade begonnen) aufnehmen; sie würde bis April "rumhängen"; erst dann könnten die Eltern sie auf meine Kosten einschulen.
Nun sind sie also bereit, die Kleine mindestens bis zu den Versetzungsprüfungen im Heim zu lassen. Während dieser Zeit werden sie ausprobieren, ob es dem Mädchen gut geht und ob die Eltern sie ohne Probleme besuchen können. Erst dann werden sie entscheiden, ob sie dort bleiben soll; oder ob sie bei den Eltern wohnen und auf unsere Kosten hier zur Schule gehen wird.

Der Junge mit der Knochemarkentzündung vor dem Röntgeninstitut

Der ältere Bruder dieses Mädchens ist eines meiner Leim-abhängigen Müllsammler-Kinder. Und der jüngere Bruder ist der, von dessen Knochmarkentzündung, die wir seit 9 Monaten behandeln lassen, ich Euch im Jahresbericht erzählte.
Ihm wurde also tatsächlich zusammen mit einer Stahlschiene ein kleines Stück Knochen aus dem Unterschenkel in den Unterarm verpflanzt, das wohl den dortigen Knochen zu gesundem Wachstum animieren soll. Die Narbe am Bein ist längst verheilt, aber die Röntgenaufnahmen des Armes versprechen nicht all zu viel: Der Arzt sagte mir "dessen Knochen ist jetzt so weich wie Käse - nicht Edamer; eher cream cheese; wir müssen abwarten, ob der sich verfestigt und richtig wachsen wird".

23.10.2004: "Oh Mann..." - was für ein Tag!
Zwei Ereignisse muss ich Euch einfach schildern - frisch aus meinem gerade eben (22.30 Uhr) geschriebenen Tagebuch:
Dh's Schwester sollte für die Tika (roten Punkt auf die Stirn als Segenszeichen zu Nepals wichtigstem hinduistischen Feiertag) gegen 10 Uhr aus dem Heim zu ihren Eltern gebracht werden; und die wollten sie bei sich behalten und nicht zurück gehen lassen. Ich sollte in der Nähe und telefonisch erreichbar sein und ihnen evtl. helfen. Bis 11 Uhr bummelte ich durch die Altstadt, ging dann zu denen; die riefen von einem Laden aus im Heim an: Die Mädchen essen gerade und danach werden sie losfahren. So lange wollte und konnte ich nicht warten, ging nach Hause (nachdem ich den Vater instruiert hatte, nichts zu trinken, keinen Streit anzufangen und niemanden zu schlagen; notfalls würde ich morgen mit ihm in das Heim fahren).
Ich saß im Hotel. ...
13 Uhr rief ich die Kinder rauf ...
Ich gab ihnen gerade die Gutscheine, als das Telefon ging: "Sie müssen sofort hierher kommen, sonst gibt's Streit; die wollen mir meine Tochter nicht geben." Ich versuchte abzuwimmeln, aber das ging nicht, also instruierte ich die Kinder und lief los.
Vater, Mutter, zwei Söhne (und ich freute mich riesig, Dh. und auch K. anzutreffen), ein Nachbar, die Tochter aus dem Heim mit einer Lehrerin und einer Betreuerin. Ich stellte mich vor, ließ mir das Problem schildern, schilderte dann meine Sicht. (Ich bin etwas sauer, weil ich schon zwei Fälle kenne, wo Kinder, die oft auf der Straße rumhängen, einfach mitgenommen wurden; die Eltern nach ihnen suchten und erst viel später erfuhren, dass sie in diesem Heim sind.)
Die Frauen sagten, dass sie nur im Auftrag handeln und nicht ohne das Mädchen zurückkommen dürfen; ich meinte, wir können ihnen ja schriftlich geben, dass der Vater die Tochter erhalten hat und alle Verantwortung übernimmt. Sie sagten, dass schließlich die Eltern unterschrieben hätten, dass das Mädchen dort leben solle; und die Mutter bestätigte, dass sie irgendwann mal ihre Fingerabdrücke auf ein Papier gesetzt habe, über dessen Inhalt sie nichts wisse. (!) - So war also das Recht - zumindest im Moment - auf Seiten des Heimes.
Der Vater schrie immer wieder rum, sprang aufgeregt auf: Dass der dortige Sir ihn geschlagen habe und er seine Tochter dort nicht mehr hinschicke. Ich versuchte zu bremsen und zu trennen: Dass das ein Fall sei, den wir nächster Tage mit dem Sir oder auch mit der Polizei ausmachen; dass dies aber nichts mit seiner Tochter und schon gar nichts mit diesen beiden Damen zu tun habe.
Dann nahm ich das Mädchen mit raus in den Flur. - Die Betreuerin in Panik, ob ich die entführen wolle, kam uns nach, weigerte sich, einen Moment drinnen zu warten. Sie war aber weit genug entfernt, so dass ich das Mädchen flüsternd fragen konnte, wie es ihr in dem Heim gefalle und wo sie lieber wohnen wolle: Dort!
Nun drehte ich meine ganze Taktik um. (Das war mir sehr recht; besser gegen den Vater kämpfen als gegen eine ganze Institution mit einer von den Eltern unterschriebenen Einverständniserklärung!) Ich versuchte den Vater zu überzeugen, dass das Heim für seine Tochter die bessere Lösung sei. Für wie viele Kinder ich schon Heimplätze gesucht habe und immer sei alles voll; nun habe seine Tochter die eine Chance ihres Lebens und die dürfe er nicht zerstören. - "Aber der Sir hat mich geschlagen! Mir tut der Brustkasten heute noch weh!!!"
Und wieder von vorne... - "NEIN! Ich lasse sie nicht gehen; ich fahre noch heute Abend mit ihr in unser Dorf und sie wird bei den Großeltern bleiben!"
Irgendwann schrie er sogar mich an: "Ich höre jetzt weder Ihnen noch denen zu; ich behalte meine Tochter hier und bringe sie ins Heimatdorf." Als ich konterte "Warum hast Du mich dann herkommen lassen; dann kann ich ja auch gehen", war er wieder ruhig und relativ höflich.
Das blödeste Argument, das mir dann noch einfiel, zeigte die größte Wirkung: "Wenn ich meinen Sir mit einem Kind zum Arzt schicke und er kommt ohne das Kind wieder, schlage ich ihn tot: - Wenn der oberste Boss dieser beiden Damen ihnen Deine Tochter anvertraut hat und sie kommen ohne die wieder, sind sie wahrscheinlich beide ab morgen arbeitslos." Das kapierte er und lenkte ein.
(Und zwischendurch tausend andere Argumente; und immer wieder bremsen, weil er die Damen anschrie; weil die aber doch nichts für die Schlägerei können... Und als zweit-wichtigstes Argument: Ich werde morgen mit ihm in das Heim fahren und wir werden uns diesem angeblich schlagenden Sir stellen und fragen was los war; und ihn evtl. anschließend bei der Polizei anzeigen.)
Nach etwa 40 Minuten war der Vater so weit, dass er die Mutter anwies, dem Mädchen Essen zu geben, damit sie dann fahren könne.
Während des Essens überlegte er es sich wieder anders, wollte sie wieder nicht gehen lassen. Ich konnte ihn wieder vom "Wohl des Mädchens" überzeugen.
Als wir endlich gingen, war zu allem Ärger weit und breit kein Taxi zu finden und wir mussten mit dem immer weiter schimpfen, erklärenden, gestikulierenden, fluchenden Vater noch gut zehn Minuten weit gehen.
WAR ich froh, als die drei in einem Taxi saßen und dies losfuhr!
...
Nach 16 Uhr rief S. G. an: Er habe sich so gefreut, als er erfahren habe, dass ich angekommen sei! Und ich freute mich, ihn zu hören, hatte aber etwas Sorgen, da ich gehört hatte, dass er an harte Drogen geraten sei und krank sei. Nun sagte er, dass er mich nicht besuchen könne; er "wohne" im "Sahara": Der Name eines Hilfswerkes; aber zugleich das Synonym für deren geschlossenen Entzug. Und ich freute mich riesig! DIE Chance für diesen 17-jährigen Vollwaisen, den ich seit fast 5 Jahren kenne, der immer wieder hintergangen wurde, immer wieder reinfiel, immer wieder Enttäuschungen hinnehmen musste. (M's Bruder S. Ch. wurde wegen Drogen vor 1 Jahren von der Polizei dort eingeliefert; vor 2-3 Tagen erzählte seine Mutter mir mit Tränen in den Augen, dass er jetzt Freigänger sei, in einem Büro arbeite, 2500 im Monat verdiene und sie jede Woche besuchen komme.)

20.10.2004: Seit wenigen Tagen steht der Jahresbericht, den ich Anfang Oktober ca. 300 Mal per Post verschickte, auch hier online zur Verfügung. Bitte klickt oben oder links auf den "Bericht 2004".
Ein Zimmer habe ich immer noch nicht, aber ansonsten geht es ganz gut. Die Kinder sind im Hotel so brav und vernünftig und leise, dass der Besitzer inzwischen auch mal 20 in meinem Zimmer akzeptiert - und den übernachteten Kindern jeden Morgen Tee servieren lässt. (!!!)
Gestern hatte ich eine Riesen-Freude, als mich zwei Kinder besuchten, die ich lange nicht gesehen hatte; den einen seit über zwei Jahren nicht:
Beim Frühstück erwartete mich der Junge, dessen verbrannte Hände wir vor 2 Jahren hatten operieren lassen. Danach war er nicht mehr zu mir gekommen aus Angst, dass ich noch einmal operieren lassen wolle; dann hatte er von dem Ortsteil aus, wo er wohnte, (Vollwaise, den hier jemand bei sich aufgenommen hatte) irgendwelche Verwandten getroffen und war spurlos verschwunden. Nun erzählte er, dass er auf dem Land bei einer Schwester seines Vaters lebe, zur Schule gehe. Jetzt hätten sie Ferien und er hatte eigentlich zu einer anderen entfernten Verwandten in Sankhu (östlich von Kathmandu) fahren wollen. Erst im Bus sei ihm eingefallen, dass um diese Zeit doch meistens Jürgen da sei. Und als die Chefin des alten Hotels ihm nicht verraten konnte oder wollte, wo ich wohne, war er ans Restaurant gegangen und hatte auf mich gewartet. - Groß geworden (13-14 Jahre); macht einen vernünftigen Eindruck und begleitete mich gleich den halben Tag durch die Stadt. (Und will bis ca. 10. November bei mir bleiben: Er fahre nur zum Dasain-Tika-Tag nach Sankhu; und erst kurz vor Ferien-Ende zum Bhai-Tika-Tag wieder nach Hause.)
Am späten Nachmittag kam der elternlose Junge aus Indien, der im vergangenen Herbst fest bei mir wohnte. Er war seit dem Frühjahr in einem Heim von CWIN, von wo aus er mich einmal besucht hatte. Die hatten ihn in ein dreimonatiges Koch-Training vermittelt. Gut gekleidet, glücklich und recht vernünftig wirkend kam er an, brachte mir sogar ein kleines Geschenk mit. Leider hat das Trainingszentrum nun auch Ferien und hatte alle "nach Hause" geschickt - was für ihn entweder Indien oder die Straße ist. Gestern hatte er in Pashupatinath übernachtet, nun kam er zu mir. Für die Nacht brachte ich ihn unter, aber für 10 Tage Ferien ist das in dem kleinen Hotelzimmer nicht möglich. Heute früh rief ich das Heim an; die nehmen ihn vorübergehend auf; am frühen Nachmittag fuhr er dort hin.

15.10.2004: Ich sitze immer noch in dem viel zu kleinen Hotelzimmer. Inzwischen habe ich die "geplanten Vermieter" zweimal besucht: Es gab Streit in der Familie, nachdem eine ältere Frau gestorben war. Die einen wollen mir das Haus immer noch geben, können das aber nicht verantworten, da die (erwachsenen) Söhne der Verstorbenen nichts als Ärger machen und mich dort niemals in Ruhe lassen würden. Sie gaben mir die voraus-bezahlten vier Monate Miete inklusive Zinsen zurück.
Ich habe inzwischen alle, die ich kenne, besucht: Händler, Ärzte, Hotel- und Restaurantbesitzer, Guides und Freunde; und allen das Problem erklärt und alle gebeten, bei der Suche zu helfen. Ein geeignetes "Riesen-Zimmer" wurde mir bereits angeboten; aber das liegt mir zu weit entfernt, so dass ich noch versuche, etwas Besseres zu ergattern.
Zu allem Übel hat auch noch das Hotel, in dem ich wohne, den Besitzer gewechselt. Mit dem Früheren, bei dem ich schon so viele Gruppen unterbrachte, wäre es sicherlich einfacher. - So kann es vorkommen, dass die Rezeption mich anruft: Wenn ich von den 5-6 bei mir sitzenden Kindern (und 30 bis 50 sollten es sein!!!) jetzt 2-3 nach Hause schicke, lassen sie die, die unten warten, zu mir aufs Zimmer kommen... (!)
Trotz allem: Ich bin gerade eben (spät am Abend) meine Datei durchgegangen: Bisher habe ich bereits 79 unserer Kinder und Jugendlichen persönlich getroffen. Einer rief mich an. Von fünf Kinder kamen nur die Eltern (und ich habe die Kinder noch nicht gesehen). Und von 33 erzählten mir Freunde oder Geschwister. So weiß ich nun also nach vier Tagen schon von 118 Kindern aus erster oder aus zweiter Hand, wo sie sind und wie es ihnen geht.

12.10.2004: Seit gestern Abend bin ich wieder in Nepal.
Am Freitag erhielt ich die schockierende Mail von dem von mir angestellten Lehrer: Dass die Vermieter sich (nachdem sie uns seit drei Wochen hinhalten) nun im letzten Moment doch überlegt haben, mir das Haus nicht zu vermieten, da die Kinder vermutlich zu viel Lärm machen würden.
Nun sitze ich ganz alleine in einem Hotelzimmer (in dem Hotel, in dem ich normalerweise meine Gruppen unterbringe). Heute nach dem Frühstück (und nachdem ich dies hier abgeschickt haben werde), werde ich die "geplanten Vermieter" besuchen und fragen, was das soll. (Aber etwas zu erzwingen hat auch keinen Zweck; dann würden sie mich nach 3 Monaten oder drei Jahren "raus-ekeln".) - Ich muss mir wohl etwas anderes suchen (und habe KEINE Ahnung, wo ich das finden könnte...!!!)
Meinen Jahresbericht habe ich von Deutschland aus fast 300 Mal verschickt; bereits auf dem Flug begann ich, ihn fürs Internet aufzubereiten. In wenigen Tagen werdet Ihr ihn hier lesen können.
 


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